Eine Woche später: Aus der Probe wird Ernst. In aller Frühe fahren die Absolventen zu ihrer Uni – die meisten in Begleitung ihrer Familie. Während sie den ganzen Tag lang an der Zeremonie teilnehmen, müssen die Verwandten draußen warten. Sie verfolgen die Zeremonie am Bildschirm. Etliche Stuhlreihen und Fernseher sind aufgebaut.
Phorntip (47) und Jaran Keawpradit (53) sind mit ihrer jüngeren Tochter für den großen Tag extra aus der südlichen Provinz Songkla nach Bangkok gekommen – eine Reise von mehr als 900 Kilometern. Ihre 22-jährige Tochter hat ihren Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaft gemacht. Um sieben Uhr morgens haben sie bereits das Gelände der Kasetsart Universität betreten. Warum ist die Zeugnisübergabe für sie etwas Besonderes? „Dieser Tag symbolisiert einen Punkt, den man nur einmal im Leben erreicht, und ich freue mich sehr für meine Tochter mit“, sagt die Mutter Phorntip.
Die Tante der Absolventin, Penpitcha Somakpong (51), wartet gemeinsam mit der Familie auf das Ende der Zeremonie. Auf dem Stuhl neben ihr liegen bereits zahlreiche Blumen und ein weißer Teddy. Penpitcha kennt das Erlebnis Zeugnisübergabe. Vor 29 Jahren hat König Bhumibol Adulyadej ihr das Zeugnis von der Ramkhamhaeng Universität, der größten Universität Thailands, überreicht. Die Tante beschreibt die Emotionen als „Unabhängigkeitsgefühl“. „Meine Familie hat mich bis zu dem Zeitpunkt finanziert, doch mit dem Abschluss konnte ich selbst arbeiten. Ich habe meine Eltern nicht mehr belastet“, sagt die heutige Chefin eines Chemie-Unternehmens. Das Foto der Zeugnisübergabe durch den König hängt in ihrem Wohnzimmer: „Damit jeder Gast es sieht“, erzählt sie. Doch dieses Bild ziert nicht nur ihre Wand: Es ist eines von vielen im Haus ihres Vaters. „Mein Vater hat sich die Fotos der Universitäts-Zeugnisübergaben aller Kinder und Enkelkinder an die Wand gehängt“, sagt Penpitcha. Bald folgt ein weiteres Bild, das ihre Nichte und die Tochter des Königs, Prinzessin Julaporn, zeigt.
Noch dauert es ein paar Stunden, bis die junge Absolventin ihrer Familie von dem Moment der Übergabe berichten kann. Die Feier erfolgt am nächsten Tag. „Heute möchten wir uns erholen, aber morgen gehen wir in ein schönes Restaurant. Wir haben schon für zwölf Leute reserviert“, sagt die Mutter der jungen Absolventin.
Ein paar Stuhlreihen weiter sitzt seit acht Uhr die Familie Polthiseng. Voraussichtliches Ende der Zeremonie: 18 Uhr. Die Eltern, Thongjon (50) und Sanong (52), sind zusammen mit der großen Tochter und der kleinen Schwester des Vaters aus einer 70 Kilometer entfernten Provinz nach Bangkok gefahren. Sie sind überglücklich und stolz auf ihre Tochter Patumrat. Die 22-Jährige hat ebenfalls Betriebswirtschaft studiert. Der Vater Thongjon sieht die Zeremonie als etwas Einmaliges an: „Andere Feierlichkeiten hat man selbst in der Hand. So feiert man Hochzeit dann, wenn man bereit dafür ist.“ Die Zeugnisübergabe erfolge dagegen nur nach harter Arbeit und fleißigem Lernen. Geschenke spielen bei dieser Feierlichkeit keine Rolle. „Mein großes Geschenk war die Finanzierung des Studiums. Heute gibt es von der Familie nur noch Kleinigkeiten“, sagt der Vater Thongjon. Noch am Abend möchte die Familie zusammen nach Hause fahren. Doch vorher isst sie im kleinen Kreis in einem schönen Restaurant zu Abend.
Es ist noch früh am Nachmittag, doch Chutimaporn Charuchinda (23) hat ihre Zeremonie bereits hinter sich. Sie hat an der Hochschule für Krankenpflege im Norden Thailands studiert. Insgesamt etwa 300 Studenten sind an der Fakultät der Universität Chiang Mai eingeschrieben – zu wenig, um die Zeremonie auf dem eigenen Campus abhalten zu können. Stattdessen haben sie und ihre ehemaligen Kommilitonen das Zeugnis in Bangkok von Prinzessin Soamsavali, der ersten Ex-Frau des Königssohnes, überreicht bekommen. Sie sei sehr aufgeregt gewesen, aber auch gleichzeitig froh, es geschafft zu haben, sagt sie. „Am schönsten ist für mich allerdings, dass ich meine Eltern glücklich machen konnte“, ergänzt die Krankenschwester. Viel Zeit in Bangkok bleibt ihr nicht. Aufgrund eines Stipendiums hatte sie bereits vor Beginn einen Arbeitsplatz in einem staatlichen Krankenhaus in ihrer Heimat Udon Thani im Nordosten sicher. „Morgen muss ich wieder arbeiten“, sagt sie.
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Die Familie Keawpradit sowie die Tante Penphitcha (2.v.re.) warten mit Blumen und Teddy
auf die junge Absolventin.

Das Foto von der Zeugnisübergabe wird an
einem eigens aufgebauten Stand bestellt.

Chutimaporn in ihrer Robe für Absolventen
der Fakultät für Krankenpflege
der Universität Chiang Mai.
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